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Review

PRIF Jahresbericht 2025Ein Jubiläum in herausfordernden Zeiten

25 Jahre Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit

Ein Jubiläum in herausfordernden Zeiten

Wandmalerei mit verschiedenen Frauenfiguren
Source: Mary Crandall via flickr, CC BY-NC-ND 2.0.

Im Oktober 2000 hat der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 1325 das Thema Frauen, Frieden und Sicherheit erstmals fest auf seine Agenda gesetzt. Angesichts dieses Jubiläumsjahres riefen PRIF-Forscher*innen eine Blogreihe ins Leben, um die Erfolge, Herausforderungen und Zukunft der Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ (Women, Peace, and Security, WPS) kritisch zu reflektieren.

Umkämpfte Zeiten für den Feminismus

25 Jahre nach Verabschiedung von Resolution 1325 drohen die Anliegen der WPS-Agenda in den Hintergrund zu rücken: Antifeminist*innen vernetzen sich weltweit und stellen mit Männern wie Donald Trump, Vladimir Putin und Viktor Orbán – und auch mit Frauen wie Georgia Meloni – die Regierungschef*innen mächtiger Staaten. Friedensbewegungen und feministische Ansätze in der Außen- und Sicherheitspolitik rücken angesichts neuer ‚alter‘ Kriege, Machtpolitik und Militarisierung in den Hintergrund und werden zunehmend als „Nice to Have“ abgetan. Gleichzeitig werden die WPS-Agenda und ihre Umsetzung in feministischen Kreisen als nicht ambitioniert und inklusiv genug kritisiert. Welche Bedeutung hat die Agenda in diesen Zeiten also noch? Was kann sie angesichts zunehmender Kriege und Konflikte leisten? Und: Wie könnte die Agenda neu gedacht werden, um ihre Potenziale in einer sich schnell verändernden Welt zu verwirklichen?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer PRIF Blog-Reihe, die von den PRIF-Forscherinnen Clara Perras und Simone Wisotzki herausgegeben wurde. Entstanden aus einem Roundtable anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Resolution 1325, sollte sie Perras zufolge „einen Raum schaffen, um kritisch über die WPS-Agenda nachzudenken – über ihre Erfolge, aber auch über ihre Grenzen, ihre Zukunftsvisionen und Möglichkeiten.“ Auf einen Aufruf über LinkedIn meldeten sich knapp zwanzig Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und Künstler*innen. In ihren Beiträgen befassen sie sich mit den Wissenssystemen, die sich um WPS entwickelt haben – von de-kolonialer Kritik bis hin zur Institutionalisierung der UN-Agenda und der Frage, wie sie für die Zukunft neu konzipiert werden kann. Im März 2026 fand das Projekt seinen Abschluss in der Publikation eines eBooks.

Die WPS-Agenda – Entstehung, Inhalte, Umsetzung, Kritik:

Die Verabschiedung der Resolution 1325 war das Ergebnis jahrzehntelanger, feministischer Lobbyarbeit und lässt sich als wegweisender Schritt zur Anerkennung der Bedeutung der Geschlechterfrage für die Verwirklichung eines nachhaltigen Friedens verstehen. Clara Perras: „Der Ausgangspunkt war, dass es immer mehr Forschung, Berichte und Erfahrungen dazu gab, dass bewaffnete Konflikte Frauen und Männer unterschiedlich betreffen. Frauen waren aber – und sind es leider noch immer – fast vollständig von Friedensverhandlungen und Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.“ Im Kern zielt die Resolution auf die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen, die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Perspektiven bei der Vorbeugung bewaffneter Konflikte und Kriege, auf den Schutz von Betroffenen vor sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt im Kontext solcher Konflikte und Kriege und auf die anschließende Wiedergutmachung ab. Damit sollten „Frauen nicht mehr nur als Opfer von Konflikten wahrgenommen werden, sondern eben als wichtige, zentrale Akteursgruppe, um eben auch für Frieden und Sicherheit sorgen zu können.“ Die vier Säulen wurden seit 2000 um mehr als zehn UN-Resolutionen ergänzt und erweitert – beispielsweise um den Schutz von Zivilgesellschaft und Menschenrechtsverteidiger*innen sowie um Rechenschaftspflichten der Staaten bei der Ausgestaltung und Umsetzung ihrer Aktionspläne. Damit hat sich die Resolution 1325 zu einem politischen Rahmenwerk entwickelt, das als Agenda „Frauen, Frieden, Sicherheit“ (WPS-Agenda) weltweit in über 100 Nationale Aktionspläne (NAPs) übersetzt und durch regionale Organisationen wie die EU, die NATO und die Afrikanische Union übernommen wurde.

Während die WPS-Agenda als Meilenstein und normativer Kompass mit Blick auf die Anerkennung von Geschlechterfragen in Konfliktsituationen und Friedensprozessen gilt, wird sie gleichzeitig in feministischen Kreisen häufig als zu wenig ambitioniert kritisiert: So sind ihre Versprechen in der politischen Praxis häufig untergegangen. Frauen sind in Friedensverhandlungen nach wie vor unterrepräsentiert, ihre Beteiligung ist oft nur symbolisch. Darüber hinaus wurden bei der Umsetzung die Perspektiven von Frauen aus dem Globalen Süden, von LGBTIQ+-Gemeinschaften und anderen marginalisierten Gruppen außer Acht gelassen. Demnach werde nicht ausreichend berücksichtigt, wie sich Rassismus-Erfahrungen, Klasse, Behinderung, ethnische Zugehörigkeit, aber auch Sexualität in den Erfahrungen überschneiden, die Menschen im Kontext von Krieg, Konflikt und Frieden machen. Clara Perras resümiert: „Dadurch bleiben viele Erfahrungen unsichtbar – und man läuft Gefahr, dass ausgrenzende Praktiken und Ungerechtigkeiten durch die Agenda reproduziert werden.“

Zudem bedroht der globale antifeministische Backlash die Erfolge der WPS-Agenda. Und auch die gegenwärtigen Umbrüche in der Weltordnung, der erstarkende Nationalismus sowie eine Prioritätenverschiebung hin zu „strategischen“ Interessen in der Außen- und Entwicklungspolitik führen dazu, dass feministische Anliegen in weiten Teilen der Welt in den Hintergrund rücken. Die Ankündigung des US-Verteidigungsministers Pete Hegseth im April 2025, das WPS-Programm seines Ministeriums vollständig zu beenden, ist dabei nur ein Beispiel: Während sie rhetorisch weiter ihre Unterstützung für die WPS-Prinzipien beteuern, haben knapp zwei Drittel der westlichen Staaten mit Nationalen Aktionsplänen zuletzt Entwicklungsgelder zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter zugunsten steigender Militärbudgets gekürzt oder ihre Aktionspläne nicht verlängert.

Foto von fünf Frauen vor einem Mikrofon
Referentinnen für Wissenstransfer Laura Friedrich und Yvonne Blum im Podcast-Studio mit Laura Barrios Sabogal, Sophia Birchinger und Clara PerrasSource: PRIF.

Die Blogserie: 25 Jahre „Women, Peace, and Security“

Vor diesem Hintergrund betrachtet die Blogserie die zentralen Prinzipien, die Umsetzung und Institutionalisierung der Agenda. Das Besondere: Im Mittelpunkt der Beiträge stehen die Lebensrealitäten von Menschen in unterschiedlichen Weltregionen. Die knapp zwanzig Akademiker*innen, Praktiker*innen und Künstler*innen bringen in ihren Beiträgen die sehr unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen ein, die ihre Sicht auf die WPS-Agenda geprägt haben. Die Blogreihe bietet verschiedenste Perspektiven, aus denen die WPS-Agenda betrachtet werden kann, so Mitheraus­geberin Clara Perras.

„Wir wollten einen Raum schaffen, um kritisch über die WPS-Agenda nachzudenken – über ihre Erfolge, aber auch über ihre Grenzen, ihre Zukunftsvisionen und Möglichkeiten.“

Clara Perras über die Idee hinter der Blogreihe

Zum einen würdigt die Blogreihe die WPS-Agenda als wichtige Errungenschaft und hebt ihre Rolle als zentraler Referenzpunkt für die Arbeit von Aktivist*innen und Politiker*innen hervor. Ihre Institutionalisierung in weiten Teilen der Welt verdeutlicht auf der einen Seite die Robustheit der Agenda. Gleichzeitig machen die Beiträge auch die Grenzen der Institutionalisierungspraxis der Agenda sichtbar, die sich primär durch die Einbindung in inter- und supranationale Organisationen, Nationale Aktionspläne und Indikatoren der Umsetzung auszeichnet. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Afrikanischen Union (AU), die durch einen kombinierten Ansatz aus Institutionalisierung und Mainstreaming der Agenda eine globale Vorreiter-Rolle einnimmt: Bis heute haben 35 Mitgliedsstaaten der AU einen Aktionsplan verabschiedet und Strukturen wie Trainingsmöglichkeiten und Frühwarnsysteme oder Hotlines für Betroffene sexualisierter Gewalt etabliert.

Sophia Birchinger, Researcher im Programmbereich Lokale Friedensordnungen und Mitwirkende an der Blogreihe, erklärt, dass diesem institutionellen Fortschritt allerdings ein bislang begrenzter Effekt im Alltag der Frauen auf dem Kontinent gegenübersteht: „Die Afrikanische Union ist ein Beispiel für ein ausdifferenziertes institutionelles Gefüge, in dem das Mainstreaming in bemerkenswertem Maße gelungen ist, da es auf verschiedenen Ebenen institutionell verankert wurde. Zugleich bleibt jedoch die Kritik bestehen, dass diese Institutionalisierung bestehende Wissensbestände sowie lokale Initiativen und Perspektiven unsichtbar lassen oder nur unzureichend aufnehmen kann.“ Die WPS-Agenda bleibe außerhalb der Politik und zivilgesellschaftlicher Organisationen weitestgehend unbekannt, die Finanzierung ihrer Umsetzung konzentriert auf Ebene der Afrikanischen Union – und gesellschaftlich tief verankerte Normen bleiben damit weiter unverändert. So bilanzieren Sophia Birchinger und Cheryl Hendricks, Geschäftsführerin des Institute for Justice and Reconciliation (IJR) in Kapstadt, in ihrem Artikel: „Um das Potenzial der WPS-Agenda nicht nur in Worten, sondern auch in der Praxis zu verwirklichen, braucht es Solidarität, konkrete Maßnahmen und finanzielle Mittel.“

Fünf Frauen, die sich an den Händen halten, während sie vor einem Baum stehen
Source: Bulbul Prakash.

Darüber hinaus vernachlässigt dieser staatenzentrierte Fokus der Agenda häufig die sehr ungleichen Lebensumstände, mit denen Frauen innerhalb einer Gesellschaft konfrontiert sind: Das beobachtet Grace Akosua Dankwa, Doktorandin an der Åbo Akademi University in Turku, etwa mit Blick auf den ghanaischen NAP, der auf „Frauen und Mädchen“ abzielt. Diese gut gemeinte, vermeintlich universelle Kategorie vernachlässige die vielfältigen Faktoren, die die Sicherheit von Frauen im Land prägen: Demnach werden Maßnahmen und Ziele wie „Frauen schulen“, „Gemeinschaften sensibilisieren“ und „Kapazitäten aufbauen“ genannt, ohne auf die spezifischen Hindernisse zugeschnitten zu sein, denen Frauen durch ihre unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft gegenüberstehen.

Gleichzeitig zeigt die Blogreihe aber auch, dass die WPS-Agenda nicht nur durch staatliche Akteure umgesetzt wird, sondern mit einer Vielfalt an (feministischen) Praktiken und Konzepten in Verbindung gebracht werden kann. Ihre zentralen Prinzipien sind weltweit auch ganz ohne Referenz auf das institutionelle Rahmenwerk in der alltäglichen Friedensarbeit feministischer und lokaler Initiativen zu finden. Demnach leben die WPS-Prinzipien „nicht nur durch staatliche Programme, sie leben durch lokale, feministische Praxis“, so Laura Barrios Sabogal, die im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte unter anderem zu Friedenskonsolidierung forscht. In ihrem Beitrag berichtet sie von einer landwirtschaftlichen Initiative im kolumbianischen La Montañita, in der ehemalige Kämpfer der Guerilla-Gruppe F.A.R.C.-E.P mit deren Opfern zusammenarbeiten.

„Die WPS-Agenda bleibt weiterhin Referenzpunkt, eine gemeinsame Sprachbasis, auf die sich progressive politische Kräfte immer wieder berufen können.“

Sophia Birchinger im PRIF Talk #16

Außerdem setzen feministische Bewegungen und Grassroots-Initiativen die Prinzipien der Agenda auch an solchen Orten um, an denen kein staatlicher Aktionsplan existiert: Das zeigt etwa Ipek Bahar Karaman-Yilmazgil am Beispiel der „Samstagsmütter“, die in Istanbul seit 1995 durch friedlichen Widerstand Aufklärung über das Verschwinden ihrer Angehörigen in staatlichem Gewahrsam fordern, oder Bulbul Prakash am Beispiel Indien, wo der Zusammenhalt in konflikt-betroffenen Gemeinschaften vor allem durch die tägliche Fürsorgearbeit und den Widerstand von Frauen gesichert wird. Ein Fokus auf dieses kontextbezogene Wissen feministischer Bewegungen, der Zivilgesellschaft und lokaler Initiativen könnte entsprechend dazu beitragen, Lücken in der Umsetzung der UN-Agenda zu schließen, ihre Prinzipien neu zu konzipieren – und tatsächlich zu verwirklichen. Vor diesem Hintergrund erklärt Clara Perras: „Wir sollten also vor allem darauf schauen, wie feministische Bewegungen, lokale Gemeinden und Zivilgesellschaft feministischen Frieden und Sicherheit definieren.“

Fazit zum Projekt

Auch wenn die Agenda nicht perfekt ist, macht die Blogreihe insgesamt deutlich: Gerade mit Blick auf den gegenwärtigen antifeministischen Backlash, die Umbrüche in der internationalen Ordnung, aber auch angesichts Herausforderungen wie den Klimawandel wird die WPS-Agenda in Zukunft nicht an Relevanz verlieren. Dass ihre Anliegen politisch in den Hintergrund rücken, macht sie als gelebte Praxis umso notwendiger. Gerade in Zeiten, in denen vermeintliche Sicherheit wieder verstärkt über Militarisierung und Kriege erreicht werden soll, bietet die WPS-Agenda weiter einen Rahmen, um alternative Vorstellungen von Frieden und Sicherheit zu entwickeln, die sich an Geschlechtergerechtigkeit, menschlicher Sicherheit und Frieden orientieren. So betont Sophia Birchinger: „Die WPS-Agenda bleibt weiterhin Referenzpunkt, eine gemeinsame Sprachbasis, auf die sich progressive politische Kräfte immer wieder berufen können.“

Die Blogserie ruft daher zur Neukonzeption der Agenda auf, die über ihren aktuellen Fokus hinausgeht – sei es mit Blick auf den Umgang mit gegenwärtigen Trends hin zu (nuklearer) Aufrüstung und Militarisierung oder sei es mit der Klimakrise. Angesichts des gegenwärtigen Backlashs betont Clara Perras jedoch, dass die Agenda auch in Zukunft weiterhin umkämpft bleiben werde. Entsprechend bleibt zu hoffen, dass feministische Akteur*innen starke Allianzen bilden können, um gegen diese Entwicklungen Widerstand zu leisten. (hbr)

Buchcover

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Das eBook zur Blogreihe steht als Open-Access-Download zur Verfügung. Perras, Clara/Wisotzki, Simone (Hrsg.): 25 Years of Women, Peace and Security. Promises, Backlash, and Feminist Reimagining, PRIF Blog Series on Feminist Peace Research, 2026.