UN-Konfliktmanagement auf dem Prüfstand
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Welche Maßnahmen ergreifen die Vereinten Nationen, wenn Konflikte ausbrechen oder sich verschärfen, und wieso sind diese Bemühungen so oft in ihrer Wirkung begrenzt? Die 2025 gegründete Forschungsgruppe Friedenssicherung und Konfliktmanagement durch die Vereinten Nationen (United Nations Peacekeeping and Conflict Management, UNPAC) untersucht, wie globale Dynamiken Einfluss auf die UN-Konfliktbearbeitung nehmen und welchen Hürden sich die UN gegenübersieht. Zugleich werden Reformbestrebungen der Vereinten Nationen im Bereich der Konfliktbearbeitung erforscht.
Seit Langem sehen sich die Vereinten Nationen Kritik an ihren Friedensmissionen ausgesetzt. Die zunehmenden geopolitischen Spannungen und der Niedergang des Multilateralismus in jüngster Zeit haben zu einer ernsthaften Krise der UN und ihrer Rolle in der Konfliktbearbeitung geführt. Fragen nach ihrer Handlungsfähigkeit werden zunehmend dringlich. Spannungen zwischen Großmächten, Verschiebungen in der internationalen Ordnung und finanzielle Engpässe erschweren das Umfeld, in dem die Vereinten Nationen tätig sind. Können die Vereinten Nationen weiterhin eine wirksame Plattform für die Konfliktbewältigung, die Förderung friedlicher Lösungen und die Bekämpfung der Ursachen von Gewalt bleiben? Wie anpassungsfähig zeigt sich die Organisation angesichts komplexer und sich wandelnder Konfliktdynamiken?
„Es gibt wohl keinen spannenderen Zeitpunkt als jetzt, um sich mit den Vereinten Nationen und ihren Friedensmissionen zu befassen. Die Entwicklungen der nächsten Jahre werden wegweisend dafür sein, was wir in den nächsten Jahrzehnten von multilateralem Konfliktmanagement erwarten können.“
Frederik Schissler
Genau diesen Fragen widmet sich die Forschungsgruppe „United Nations Peacekeeping and Conflict Management“ (UNPAC) des PRIF. Unter der Leitung von Xinyu Yuan untersucht die Gruppe, wie die UN heute auf Konflikte reagiert und wie diese Reaktionen die aktuellen Erwartungen und Vorstellungen hinsichtlich ihrer Rolle als globaler Friedensakteur prägen.
Die Aktualität dieser Forschung ist im Hinblick auf gegenwärtige Dynamiken unübersehbar: Neue Herausforderungen durch die geopolitische Lage und veränderte Konfliktdynamiken durch nichtstaatliche Akteure und hybride Kriegsführung treffen auf strukturelle Defizite der Vereinten Nationen.
Vor diesem Hintergrund analysiert UNPAC, wie sich die Vereinten Nationen auf diese neuen Gegebenheiten einstellen und wie effektiv ihre Instrumente des Konfliktmanagements noch sind. Dabei geht es nicht nur darum, wie die UN in Konfliktkontexten reagieren, sondern auch darum, welche Prozesse und Dynamiken diese Reaktionen bestimmen.

Die Besonderheit des Ansatzes von UNPAC ist, dass die Forschungsgruppe über die Betrachtung einzelner Friedensmissionen hinausgeht. Bisherige Forschung fokussiert sich häufig auf bestimmte Missionen, die die strukturellen Zwänge der UN-Truppen sowie Defizite in ihrer Auseinandersetzung mit lokalen Entwicklungen und von Konflikten betroffenen Gemeinschaften aufzeigen. Angesichts des jüngsten Trends zur Integration von UN-Friedensinterventionen und der zunehmend komplexen Akteurslandschaft zielt diese Forschungsgruppe darauf ab, das gesamte Spektrum der Maßnahmen der Vereinten Nationen zu untersuchen.
Dazu gehören beispielsweise diplomatische Initiativen, humanitäre Hilfe, Sanktionen und Vermittlungsprozesse. Dieser umfassende Ansatz trägt der Realität von UN-Interventionen Rechnung, die von verschiedenen Handlungsträgern ausgehen und unterschiedliche Instrumente beinhalten können.
„Business as usual ist nicht mehr tragbar. Wir müssen uns fragen, wie eine realistische Zukunft der UN aussehen könnte und welche Faktoren diese Entwicklung vorantreiben.“
Xinyu Yuan
Um diese Prozesse systematisch zu erfassen, beginnt die vierjährige Forschungsarbeit mit dem Aufbau eines eigens zu entwickelnden Datensatzes zu UN-Maßnahmen sowie einer Fallstudie zum Gaza-Konflikt. Dieser aktuelle Fall dient als konkretes Beispiel, um Muster im Handeln der UN sichtbar zu machen. Dabei wird empirisch nachgezeichnet, welche UN-Akteure an Handlungen beteiligt sind, welche Maßnahmen diese ergreifen und wie sich deren Handeln im Laufe der Zeit entwickelt hat. Im Zuge dieser ersten Forschungsphase soll zunächst ein umfassender Datensatz zu UN-Handlungen in Gaza entstehen, sowie bis Mitte 2026 erste Forschungsergebnisse in einem Arbeitspapier auf Konferenzen präsentiert werden. Das Arbeitspapier soll einen Einblick dazu geben, wo sich die UN zurzeit befindet, wie sie auf den Krieg im Gazastreifen reagiert, welche Mechanismen im Schatten der Realpolitik am Werk sind und welche Diskrepanzen zur erwarteten Rolle der UN dadurch sichtbar werden.
Darauf aufbauend widmet sich die Forschungsgruppe in den anschließenden Jahren vertiefenden Fallstudien. Darin wird genauer untersucht, wie Maßnahmen innerhalb der UN ausgearbeitet werden, welche Akteure beteiligt sind und wie politische Interessen, Machtverhältnisse und institutionelle Strukturen das Handeln der Organisation prägen.
„Dieser Standpunkt ermöglicht es uns, über den Status quo hinauszuschauen und Überlegungen über eine mögliche Zukunft der Friedenssicherung der Vereinten Nationen und der UN insgesamt anzustellen.“
Myriel Julie Mathez
Methodisch kombiniert UNPAC verschiedene Ansätze, darunter computergestützte Dokumentenanalyse, Prozessverfolgung und Expert*inneninterviews.
Der Beitrag dieser Forschung ist vielfältig. Sie trägt zu einem umfassenderen Verständnis der Vereinten Nationen bei und hinterfragt einfache Schuldzuweisungen oder idealisierte Vorstellungen. Gleichzeitig liefert sie wertvolle Impulse für politische Entscheidungsträger, die an Reformen und einer Stärkung der UN arbeiten. Durch die systematische Analyse können konkrete Ansatzpunkte für Verbesserungen identifiziert werden, etwa im Bereich institutioneller Prozesse, Koordination oder Ressourcenverteilung.
UNPAC verfolgt ein klares Ziel: besser zu verstehen, wie die Vereinten Nationen in einer sich wandelnden Welt handlungsfähig bleiben oder wieder werden können. Die Forschungsgruppe leistet damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft internationaler Zusammenarbeit, die Reform der UN und die Wirksamkeit globaler Friedenspolitik. Indem sie komplexe Prozesse verständlich macht und ihre Ergebnisse sowohl für Fachleute als auch für die Öffentlichkeit zugänglich aufbereitet, trägt sie dazu bei, die Grundlagen für eine nachhaltigere und effektivere Konfliktbearbeitung zu schaffen.
Die Forschungsgruppe startete mit einem Kick-Off-Event in diesem Jahr, an dem PRIF-Kolleg*innen sowie externe Wissenschaftler*innen mit unterschiedlichen akademischen Hintergründen teilnahmen. Die Veranstaltung verdeutlichte die bedeutenden Implikationen der Forschung von UNPAC für aktuelle Debatten über die internationale Ordnung sowie über Frieden und Konflikte und unterstrich, wie wichtig es ist, sich mit einem breiten Spektrum an Forschungsperspektiven auseinanderzusetzen. (spo)
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- Hellmüller, Sara/Fanny BadaCaplan, Richard/De Coning, Cedric/Duursma, Allard/Fraihat, Ibrahim/Fung, Courtney J./Herz, Monica/Hilding-Norberg, Annika/Iji, Tetsuro/Danso, Ferdinand/Peter, Mateja/Pinaud, Margaux/Salayme, Bilal/Stepanova, Ekaterina/Stoller, Maximilian/Williams, Stephanie/Yuan, Xinyu: Rethinking UN Peace and Security Engagements in a Changing World, in: International Affairs, 2025. DOI: 10.1093/ia/iiaf190
- Abb, Pascal/Yuan, Xinyu: Chinese Conceptions of Peace – Historical Foundations and Implications for Contemporary Conflict Agency, FriEnt Report, Bonn: FriEnt – Working Group on Peace and Development, 2025.