Über Kunst und Forschung ins Gespräch kommen

Welche Mechanismen bestimmen die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Gewalt? In welchen Kontexten wird Gewalt dokumentiert, instrumentalisiert oder zensiert – und wie lässt sie sich wissenschaftlich untersuchen? Diesen Fragen widmete sich die Ausstellung „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt“, eine Kooperation des Forschungszentrums „Transformations of Political Violence“ (TraCe) und der KUNSTHALLE GIESSEN. Über zehn Wochen hinweg setzten sich mehr als 2000 Besucher*innen mit der internationalen Gruppenausstellung auseinander.
„Welcome, welcome to the one who came. Welcome to the one who arrived. Truly, welcome to the one who came.“
Die Stimme des ehemaligen Guantánamo-Gefangenen Mansoor Adayfi schallt durch den vollen Herrmann-Levi-Saal in Gießen. Es ist der 22. August 2025, Eröffnungsabend der Ausstellung „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt“. Mehr als 100 Besucher*innen sind der Einladung zur Vernissage in die KUNSTHALLE GIESSEN gefolgt. Sie lauschen der Aufnahme des Willkommenslieds, mit dem die Gefangenen in Guantánamo neuankommende Gefangene begrüßten – trotz Bestrafung und Sanktion. Mansoor Adayfi ist einer von 20 Künstler*innen und Kollektiven, deren Werke unterschiedliche Dimensionen politischer Gewalt thematisieren und die für zehn Wochen in der KUNSTHALLE GIESSEN im Rahmen der Ausstellung „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt“ ausgestellt waren. Kuratiert wurde die Ausstellung von Nadia Ismail, Theresa Deichert (beide KUNSTHALLE GIESSEN) und Larissa-Diana Fuhrmann (TraCe & PRIF).
Gewalt manifestiert sich nicht nur im Krieg oder direkter physischer Zerstörung. Sie wirkt ebenso subtil oder indirekt – in Sprache, in sozialen Ordnungen, in strukturellen Ungleichheitsverhältnissen. Während jedoch Krieg und direkte physische Gewalt sowohl offensichtlich als solche erkennbar und medial omnipräsent erscheinen, bleiben andere Formen von Gewalt weitgehend unsichtbar, stabilisieren sich im Verborgenen oder werden gezielt unsichtbar gemacht. Gleichzeitig verändert sich Gewalt fortwährend im Kontext von globalen Prozessen wie Digitalisierung und Klimawandel.
Genau hier setzt TraCe an: Das interdisziplinäre Forschungszentrum untersucht Transformationen politischer Gewalt multiperspektivisch. Dabei geht es einerseits darum, Veränderungen von Gewalt zu beschreiben und zu verstehen. Andererseits auch darum, die Mechanismen zu erkennen, die ihre Unsichtbarkeit oder Sichtbarkeit bestimmen sowie Strategien zu ihrer Eindämmung zu identifizieren. Die Arbeit von TraCe ist explizit mit dem Anspruch verbunden, auch Räume jenseits des wissenschaftlichen Diskurses zu erreichen und sich wiederum aus diesen zu informieren.
Kunst eröffnet andere Perspektiven auf Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Gewalt. Die Kooperation zwischen TraCe und der KUNSTHALLE GIESSEN begann bereits 2024 mit einem Dialogpanel zu „Darstellungen exzessiver Gewalt“ im Rahmen der dritten TraCe Jahreskonferenz. Die große Resonanz zeigte: Ein einzelner Abend reichte nicht aus. Die thematischen Schnittmengen, offen gebliebenen Fragen zu Gewalt und neu entstandenen Ideen verlangten nach einem größeren Format – die Kunsthalle schlug eine gemeinsame Ausstellung vor.
Die Ausstellung rückte künstlerische Positionen in den Vordergrund, die sichtbare wie unsichtbare Dimensionen von Gewalt – und die Räume dazwischen – bearbeiten. Begleitend zur Ausstellung veröffentlichte TraCe das Working Paper „(Un)Sichtbarkeit von Gewalt“. Darin schauen die Beiträge von TraCe-Forschenden und Kunsthallendirektorin Nadia Ismail aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven auf das Thema der Ausstellung. „In ihrer offenen Form bricht die Publikation mit dem üblichen Charakter der TraCe-Working-Paper-Reihe“, beschreibt Mitherausgeberin und Referentin für Wissenstransfer Tina Cramer. „Die Texte reichen von klassisch wissenschaftlichen Analysen bis hin zu fragmentarischen Reflexionen, persönlichen Kurzberichten oder Fragen, die künftige Forschung herausfordern“. Gleichzeitig beziehen sich die Autor*innen in ihren Beiträgen auch auf die ausgestellten Werke und schlagen so die Brücke zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Reflexion.
„In der Ausstellung treten wissenschaftliche und künstlerische Perspektiven miteinander in Dialog. So kann das Publikum nicht nur gedanklich nachvollziehen, worum es geht, sondern auch emotional spüren, wie sich politische Gewalt auf die menschliche Erfahrung auswirkt. Das Projekt begegnet dabei politischer Gewalt mit einer Haltung des Widerstands.“
Larissa-Diana Fuhrmann
So zeichnet beispielsweise Hannah Ahlheim in ihrem Beitrag die Entwicklung des Traumabegriffs seit 1945 nach. Traumata beschreiben seelische Verletzungen infolge existenziell bedrohlicher Gewalterfahrungen, die häufig ins Unbewusste verdrängt werden, um das Individuum nicht aufs Neuerliche tief zu erschüttern. Die Gewalt hinterlässt damit jedoch Spuren, die oft über Generationen hinweg fortwirken können und präsent bleiben. Ahlheim spricht von einem „transgenerationalen Spuk“, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt.
Diese Dimension greift auch die südafrikanische Künstlerin Helena Uambembe auf. Ihre Installation „What you see is not what you remember“ zeigt ein begehbares Wohnzimmer. Zwischen Möbeln, Fotografien und Alltagsgegenständen verwebt sie ihre Familiengeschichte im Bürgerkrieg in Angola. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die gewaltvolle Vergangenheit. Zugleich verdeutlicht diese Nachbildung realer Lebensmomente: Nicht alles ist so, wie es scheint und die Spuren der Gewalt bleiben eingeschrieben, auch wenn sie nicht mehr unmittelbar sichtbar sind.
Wie Gewalt wahrgenommen wird, hängt von politischen Kontexten ebenso wie von medialer Rahmung und der eigenen Positionierung ab. Larissa-Diana Fuhrmann analysiert in ihrem Beitrag im Working Paper, wie strategische Relevanz, Identifikationspotenzial oder klare Narrative bestimmen, welche Konflikte Aufmerksamkeit erhalten. Am Beispiel des Krieges im Sudan zeigt sie, dass fehlende Bilder und Narrative dazu beitragen können, dass massive Gewalt aus dem Fokus gerät, unsichtbar wird. Künstlerische Arbeiten können hier Gegennarrative schaffen – dokumentieren das Geschehen, machen es sichtbar, fordern Verantwortungsübernahme und schaffen Handlungsmöglichkeiten.
Forschungszentrum TraCe
Das Forschungszentrum „Transformations of Political Violence“ (TraCe) ist ein interdisziplinärer Forschungsverbund von fünf hessischen Forschungsinstitutionen: der Goethe-Universität Frankfurt, der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Philipps-Universität Marburg und der Technischen Universität Darmstadt und dem PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Transfer und Koordination sind am PRIF angesiedelt. Gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) erforschen über vierzig Wissenschaftler*innen seit April 2022 multiperspektivisch Transformationen politischer Gewalt.

Die Relevanz von Widerstand spiegelt sich auch in den Arbeiten von Mansoor Adayfi. Adayfi, gebürtig aus dem Jemen, war 15 Jahre ohne Anklage in Guantánamo gefangen. Seine Werke, darunter verschiedene Gedichte, entstanden während der Haft in Guantánamo und zeugen von Widerstand: „Kunst ist kein Zeitvertreib. Kunst ist Widerstand. Sie ist ein Weg, um zu überleben und am Leben zu bleiben”, sagt er in seiner Videobotschaft. Ein zentrales Ausstellungsstück konnte jedoch nicht gezeigt werden: seine orangefarbene Gefängnisuniform, die er nur persönlich übergeben wollte. Visaprobleme verhinderten dies zunächst – bis zur Finissage.

Viele Werke arbeiten mit Leerstellen und forderten die Vorstellungskraft des Publikums ein. Besucher*innen mussten ihre Sehgewohnheiten hinterfragen und sich mit zugrundeliegenden Machtstrukturen beschäftigen. So wurde die Ausstellung selbst zu einem Ort des Wissenstransfers. Anstatt die Kunst nur zu betrachten, wurde das Publikum Teil der Reflexion. Gleichzeitig ist dieser Ansatz eingebettet in das Transferverständnis von TraCe: Wie auch am PRIF, wo der Wissenstransfer von TraCe angesiedelt ist, wird Transfer nicht als rein nachgelagerte Kommunikation von Ergebnissen oder definitiven Antworten verstanden. Vielmehr geht es um einen dialogischen Austausch, der über Disziplinen und die Wissenschaft hinaus ein Gespräch eröffnet.
„Arbeiten wie die Filmarbeit von Thomson & Craighead oder auch Jean-Gabriel Périot haben vielen neu vor Augen geführt, dass sich bestimmte Gewaltformen in Endlosschleife zu wiederholen scheinen und bis heute fortbestehen. Gleichzeitig wurde durch Rückmeldungen der Besucher*innen deutlich, wie die Ausstellung auch den Blick auf gegenwärtige, jedoch unterrepräsentierte Konfliktgebiete wie etwa den Sudan sowie auf oft verborgene strukturelle Gewalt gegen Frauen und Minderheiten geschärft hat.“
Nadia Ismail

Gerade das Begleitprogramm, das die KUNSTHALLE GIESSEN organisierte, bot Chancen für diesen vertieften Austausch. So luden Formate wie „Kunst und Kaffee“ oder „Art Buzz“ zur Diskussion in ungezwungener Atomsphäre ein – bei Kaffee am Sonntagnachmittag oder Cocktails am Abend. Das Screening des Dokumentarfilms „Death of a Prisoner“ (2013) von Laura Poitras und die anschließende Diskussion eröffneten vertiefte Gespräche über strukturelle Gewalt, Zeugenschaft und die Möglichkeit für Erinnerung und Trauer. „In den Gesprächen mit den Besucher*innen hat mich besonders berührt, wie stark sie auf die Vielschichtigkeit der oftmals subtilen Formen von Gewalt reagiert haben. Gerade diese unsichtbaren Facetten hatten einen nachhaltigen Effekt auf den Blick auf das heutige globale Tagesgeschehen, ebenso wie auf die bis heute andauernden historischen Auswirkungen von Gewalt“, resümiert Nadia Ismail.
Weiterlesen
- Ahlheim, Hannah/Cramer, Tina/Fuhrmann, Larissa-Diana/Guntrum, Laura/Ismail, Nadia/Mannitz, Sabine/Marauhn, Thilo/Lasso Mena, Verena/Oettler, Anika/Schwab, Regine/Spittler, Sara-Luise/Wolff, Jonas: (Un)Sichtbarkeit von Gewalt. Frankfurt/Main, TraCe Working Paper No. 6, 2025. DOI: 10.48809/PRIFTraCeWP2506.
- Das begleitende Journal zur Ausstellung kann über die KUNSTHALLE GIESSEN bezogen werden.
„Besonders positiv in Erinnerung geblieben ist mir, wie intensiv die Ausstellung als dialogische Plattform funktioniert hat. Die Vielfalt der künstlerischen Positionen und die Unterschiedlichkeit – bei gleichzeitiger Universalität – der thematisierten Auswirkungen und Manifestationen von Gewalt haben bei vielen Besucher*innen persönliche oftmals tief emotionale Resonanz ausgelöst. In Gesprächen zwischen Publikum, Künstler*innen und Kuratorinnen entstanden Reflexionen über das eigene Leben und Rolle in gesellschaftlichen Strukturen, die oft unmittelbar mit Unrechtssystemen verbunden sind.“
Theresa Deichert
Am 2. November 2025, dem letzten Ausstellungstag, schließt sich der Kreis. Im Hermann-Levi-Saal in Gießen sind die Stühle diesmal in drei großen Stuhlkreisen angeordnet. Zur Finissage diskutierten die Besucher*innen mit den Kuratorinnen über künstlerische Methoden, persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Verantwortung und die Verbindung zwischen Kunst und Forschung. Neben dem Künstler Jonas Höschl war auch Mansoor Adayfi anwesend. In seiner orangefarbenen Häftlingskleidung trug er seinen Gruß nun persönlich vor. Laut schallte es durch den Raum:
„Welcome, welcome to the one who came. Welcome to the one who arrived. Truly, welcome to the one who came.“ (tcr, hfr)
