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Review

PRIF Jahresbericht 2025Wie gelingt ein nachhaltiger Frieden?

Forschung zu innerstaatlichen Konflikten

Wie gelingt ein nachhaltiger Frieden?

Foto einer alt aussehenden Brücke in einer Stadt an einem Berg.
Source: Marios Kefalas, Unsplash.

Unter welchen Bedingungen brechen Bürgerkriege erneut aus, wann erweist sich der Frieden als stabil? In seiner Forschung untersucht Thorsten Gromes innerstaatliche Konflikte nach 1989 in vergleichender Perspektive. Seine Ergebnisse hat er in zahlreichen Publikationen präsentiert, unter anderem in seinem 2025 erschienenen Buch „Sustaining Peace After Civil War“.

Im Gespräch mit Thorsten Gromes

Thorsten Gromes

Dr. habil. Thorsten Gromes ist Projektleiter und Senior Researcher am PRIF im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte. Seine Forschung konzentriert sich auf Nachbürgerkriegsgesellschaften und sogenannte humanitäre militärische Interventionen.

  1. In deinem neuen Buch „Sustaining Peace After Civil War“ hast du untersucht, welche Faktoren es wahrscheinlicher machen, dass Bürgerkriege erneut ausbrechen oder dass der Frieden stabil bleibt. Warum ist diese Frage so wichtig?

    Beim Blick auf das weltweite Konfliktgeschehen fällt auf, dass ein Großteil der noch laufenden Konflikte wieder ausgebrochene Konflikte sind. 2024 war ungefähr jeder zweite bewaffnete Konflikt ein wieder ausgebrochener. Bürgerkriege bilden eine Untergruppe von bewaffneten Konflikten. Die Welt wäre also ohne wieder ausgebrochene Bürgerkriege deutlich friedlicher.

  2. Welche Fälle hast du untersucht und wie bist du methodisch vorgegangen?

    Das Projekt hat insgesamt 48 Bürgerkriege untersucht, die zwischen 1990 und 2009 zu Ende gegangen sind. Bürgerkriege sind dadurch definiert, dass mindestens 1000 Menschen im Gesamtverlauf durch Kämpfe oder Angriffe auf Zivilpersonen ums Leben gekommen sind. Ich habe untersucht, ob der Krieg bis 2012 wieder ausgebrochen ist. Insgesamt ging die Studie multimethodisch vor. Die meisten Teilanalysen griffen sowohl auf quantitative wie auch auf qualitative Methoden zurück.

    Die gesamte Untersuchung basiert auf einem Datensatz, der eigens für das Projekt erstellt wurde und auch Dritten zur Verfügung steht. Die Teilstudien verhandeln Varianten der Fragestellung, wann Kriege wieder ausbrechen.

  3. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

    Ausgangspunkt für die Studie war die Frage, ob man verschiedene konkurrierende Perspektiven auf stabilen Frieden nach Bürgerkriegen miteinander versöhnen könnte. Die eine Perspektive sieht dauerhaften Frieden durch militärische Siege gewährleistet, die andere durch politischen Kompromiss. Meine Annahme war, dass diese Ansätze in der Forschung eine gemeinsame Basis haben könnten, nämlich dass Bürgerkriege dann nicht wieder ausbrechen, wenn die Verteilung politischer Vorteile dem militärischen Kräfteverhältnis zwischen den Konfliktparteien entspricht. Fallen jedoch Kräfteverhältnis und politische Kompromisse auseinander, so die Annahme, dann ist der Frieden in Gefahr. Damit hat sich die erste Teilstudie beschäftigt. Sie hat gezeigt, dass es zwar diesen Zusammenhang gibt, allerdings nicht so stark wie vermutet. Die konkurrierenden Ansätze haben sich dadurch nicht versöhnen lassen.

    In der zweiten Teilstudie betrachte ich die in der Literatur oft vertretene Behauptung, dass militärische Siege besser darin sind, einen stabilen Frieden zu gewährleisten. Das Ergebnis war allerdings, dass Friedensabkommen mindestens genauso effektiv den Frieden nach Bürgerkriegen erhalten. Andere Kriegsbeendigungen machen hingegen den Wiederausbruch des Krieges wahrscheinlicher, zum Beispiel wenn Konflikte mit einem bloßen Waffenstillstandsabkommen enden, das politische Fragen ungeregelt lässt.

    Die dritte Teilstudie setzt genau hier an und untersucht, warum Kriegsbeendigungen durch Waffenstillstände besonders instabil sind. Zwei wichtige Gründe sind: Kriege, die mit Waffenstillständen enden, weisen Konfliktmerkmale auf, die sich eher einer Befriedung entziehen. Bloße Waffenstillstände mobilisieren aber auch im Anschluss weniger Bemühungen, den Frieden zu stabilisieren. Wir sehen zudem, dass nach Waffenstillständen politische Vorteile und militärisches Kräfteverhältnis stärker auseinanderklaffen als nach Siegen und nach Friedensabkommen.

  4. Das heißt: Waffenstillstände sorgen nicht unbedingt dafür, dass der Krieg wieder ausbricht, aber sie gehen oft einher mit den Bedingungen, die das Wiederausbrechen wahrscheinlicher machen?

    Sie sind oft Ausdruck bereits bestehender Probleme, können aber auch dazu führen, dass weniger Bemühungen stattfinden, den Frieden zu festigen. Man sieht zum Beispiel, dass nach bloßen Waffenstillständen friedenserhaltende Einsätze seltener und zivile Bemühungen, den Frieden zu stärken, geringer sind. Ein Grund ist, dass äußere Akteure in solchen Situationen weniger Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Friedens haben.

  5. Und die zwei weiteren Teilstudien?

    Die vierte Teilstudie beschäftigt sich damit, unter welchen Bedingungen friedenserhaltende Truppen tatsächlich den Frieden sichern. Die Studie hat herausgefunden, dass die Merkmale des Bürgerkrieges eine viel wichtigere Rolle spielen als etwa Strategiepapiere der Vereinten Nationen annehmen. In begünstigenden Kontexten sind Friedensmissionen erfolgreich. Die Daten zeigen auch: Wenn der Kontext besonders schwierig war, blieb der Frieden in keinem Fall erhalten, trotz der Präsenz von Friedenstruppen.

    Laut einer These, die in der Bürgerkriegsforschung früher sehr prominent war, bricht Bürgerkrieg immer dann wieder aus, wenn die Rebellenseite einfach nur die Gelegenheit dazu hat. Hier setzt die fünfte Teilstudie an. Sie nutzt eine auf die These zugeschnittene Methode. Der verwendete Datensatz beinhaltet zudem besonders aussagekräftige Daten dazu, ob die Gelegenheit zum Wiederausbruch des Krieges vorliegt, zum Beispiel, ob eine Konfliktpartei separate Streitkräfte behalten hat oder Territorium kontrolliert. Frühere Forschung hat hingegen weit entfernte Indikatoren verwendet, um die finanzielle oder militärische Machbarkeit eines erneuten Krieges zu erfassen. Mein Ergebnis war, dass die Machbarkeit einen Wiederausbruch zwar wahrscheinlicher macht, aber sich kein deterministischer Zusammenhang beobachten lässt.

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Über das Buch

Das Buch „Sustaining Peace After Civil War“ geht auf die Habilitation von Thorsten Gromes zurück und ist in der Reihe „Studien des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung“ bei Springer VS erschienen. Die Habilitationsschrift ist im Rahmen des Projekts „Einseitig oder ausgewogen: Welche Nachkriegsordnung wahrt den innerstaatlichen Frieden?“ entstanden, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde.

Buchcover
  1. Das sind dann ja fast schon gute Nachrichten für den Frieden.

    Interessant sind die Folgerungen für die Politik. Wer die Ansicht vertritt, es geht einzig um die Machbarkeit, sagt auch, dass jegliche Bemühungen, die Konfliktparteien zufrieden zu stellen und Kompromisse zu schließen, überflüssig sind. Man müsse im Grunde nur dafür sorgen, dass eine Partei die Mittel verliert, um weiterzukämpfen. Meine Studie hingegen zeigt, dass der Frieden oft selbst dann erhalten bleibt, wenn die Machbarkeit einer erneuten Rebellion sehr hoch ist, solange auf die politischen Anliegen der Konfliktparteien eingegangen wurde.

  2. Basierend auf diesem Projekt hast du auch ein viel beachtetes PRIF Spotlight zu sogenannten „Konfliktmythen“ geschrieben. Was sind denn Konfliktmythen?

    Konfliktmythen definiere ich als Thesen zum Konfliktgeschehen, die uns immer wieder begegnen – in der Politik, in den Medien, in der Wissenschaft, aber auch in Alltagsgesprächen. „Mythen“ deshalb, weil es sich um Annahmen handelt, die vordergründig plausibel sind und auch teilweise einen wahren Kern haben, aber dann so stark übertrieben werden, dass sie falsch sind. Es sind also keine bewussten Lügen, sondern Fehldeutungen über Konflikte. Ein weiteres Merkmal ist, dass sie nicht Aussagen zu einem speziellen Konflikt treffen, sondern fallübergreifend argumentieren. Wenn man diesen Mythen folgt, kann das auch politische Konsequenzen haben.

  3. Kannst du ein Beispiel nennen und uns erklären, was dabei der Mythos ist und was vielleicht auch der wahre Kern?

    Ein in den letzten Jahren besonders prominenter Konfliktmythos ist dieser Satz: „Jeder Krieg endet am Verhandlungstisch.“ Oder auch: „Es gibt keine militärische Lösung für den Konflikt.“ Das stimmt schlichtweg nicht. Wenn wir die Daten betrachten, dann endete seit dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise ein Drittel aller Konflikte mit dem militärischen Sieg einer Seite. Nur jeder vierte Konflikt endete mit einer ausgehandelten Regelung.

    Es gibt Kriege, die nicht gewonnen werden können. Da bleibt nur die Verhandlungslösung, aber bei vielen Konflikten ist es eben anders. Man mag sich bei vielen von diesen ein ausgehandeltes Kriegsende wünschen. Aber es ist eine falsche Beschreibung der Realität, dass jeder Krieg am Verhandlungstisch endet.

  4. In deinem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigst du dich mit sogenannten humanitären militärischen Interventionen. Worum geht es genau?

    Humanitäre Interventionen sind dadurch definiert, dass ein Staat, eine Staatenkoalition oder eine internationale Organisation Truppen in ein Konfliktland schickt, und das mit dem erklärten Ziel, die Menschen dort vor Gewalt zu schützen. In einem Vorgängerprojekt hier am PRIF haben wir einen Datensatz erstellt, der diese Einsätze seit dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Jetzt erforschen wir, welche Effekte humanitäre militärische Interventionen haben und unter welchen Bedingungen die eine oder andere Wirkung auftritt. Wann sind sie erfolgreich darin, Konflikte zu beenden oder einzudämmen? Wann scheitern sie daran, wann geht der Konflikt weiter oder verschlimmert sich sogar noch?

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Über das Projekt

Das Projekt „Wirkungen und Wirkungsweisen humanitärer militärischer Interventionen“ baut auf dem Datensatz zu allen huma­nitären militärischen Interventionen nach 1945 auf, der am PRIF entwickelt wurde. Das Projekt wird von der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) gefördert, die bereits die Entwicklung des Datensatzes unterstützt hatte.

  1. Kannst du schon von Teilergebnissen berichten?

    Die Ergebnisse einer Teilstudie von Lucas Kori Leonhard und mir sind kürzlich in einem Aufsatz bei International Peacekeeping erschienen. Wir sind da der Frage nachgegangen, in welchen Fällen überhaupt humanitäre Interventionen stattfinden und wann sie ausbleiben. Nur in jedem elften bewaffneten Konflikt gibt es eine humanitäre militärische Intervention. Es kommt auf verschiedene Faktoren an, zum einen auf das Ausmaß der Zerstörung und des Leids: Je mehr Tote es in einem Konflikt gibt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine humanitäre Intervention stattfindet. Zum anderen spielen Erfolgschancen und Risiken eine große Rolle. Wir haben festgestellt, dass drei Viertel aller humanitären militärischen Interventionen diese Kombination an Merkmalen aufweisen, also einen hohen Bedarf und plausible Erfolgsaussichten. Obwohl also humanitäre militärische Interventionen insgesamt eine Ausnahme darstellen, gibt es eine Regelhaftigkeit, die sie leitet.

  2. Was möchtest du als nächstes erforschen?

    Das Projekt zu humanitären Interventionen wird noch eine Weile weitergehen. Für danach plane ich ein Projekt, das sich mit einem der Konfliktmythen beschäftigen soll. In der Forschung gibt es das prominente Konzept der „Konfliktreife“, das auch die internationale Diplomatie beeinflusst hat. Interessanterweise fehlt es dazu an vergleichenden Untersuchungen. Da möchte ich ansetzen. (ewa)

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